Dienstag, 8. September 2015

Anthony Doerr: Alles Licht das wir nicht sehen


Das von den deutschen besetzte französische Hafenstädtchen Saint-Malo 1944: Vier Jahre zuvor ist die sechzehnjährige Marie-Laure mit ihrem Vater Daniel LeBlanc aus dem überrannten Paris zu seinem Onkel in die Stadt in der Bretagne geflohen. Daniel, der lange als Schlüsselmeister des "Muséum National d`Histoire Naturelle" in der Hauptstadt gearbeitet hat, trug in seinem Rucksack den wohl kostbarsten Schatz der Welt mit sich. Das "Meer der Flammen", ein Diamant von schier unschätzbarem Wert um den sich zahlreiche Märchen über Tod und Ewiges Leben ranken und den zu Besitzen schon viele Leute in den Ruin getrieben hat. Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, Hitlers Edelsteinexperte, weiß ebenfalls um das Schmuckstück und hat schon vor Jahren die Jagd auf den Schatz aufgenommen, der gut versteckt in dem kleinen Modell der Stadt, das Daniel LeBlanc zur Orientierung für seine blinde Tochter angefertigt hat.
Im Ruhrgebiet wächst währenddessen Werner Hausner heran, ein Waisenjunge mit einer außergewöhnlichen technischen Begabung, die ihm einen Platz in einer Spezialschule und später einer Spezialeinheit der Wehrmacht sichert. Der junge Werner zieht durch die Lande um die Feindsender der Wiederstandskämpfer aufzuspüren und zu vernichten... Eben solche Sender, die Marie-Laure und ihr Großonkel Etienne auf dem Dachboden ihres Hauses betreiben und die Kämpfer der Résistance mit Daten und Koordinaten zu versorgen...

Anthony Doerr erzählt die Geschichten von Marie-Laure LeBlanc und Werner Hausner mit einer außergewöhnlichen und richtiggehend poetischen Sprachkunst, die zwar ausführlich und bildgewaltig daher kommt, aber nie zur Langeweile neigt. Im Gegenteil, die nur wenige Seiten langen Kapitel und abwechselnd aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählte Geschichte, ist wunderbar Spannend und überraschend kurzweilig erzählt. Hauptsächlich begleitet der Leser Marie-Laure und Werner im Wechsel. Aber auch ein paar Nebenrollen dürfen sich über die Schulter schauen lassen und der Diamantenexperte Reiches kommt ebenfalls immer mal wieder zu Wort.
Der Autor wirft seine Leser gleich mal in den August 1944, als Saint-Malo kurz vor dem Ruin steht. Und zieht dann eine Schleife von 1934 bis 2014, jedoch kehrt er regelmäßig zu den Geschehnissen 1944 zurück, um das Ganze für mich noch spannender zu machen. Mit den Blicken auf die Jahre 1974 und 2014 wird auch auf die Schwierigkeit des Lebens nach dem Krieg eingegangen, wie die Protagonisten mit dem erlebten langfristig umgehen. Das hat mir sehr gefallen. Wie auch Marie-Laures Satz "Jede Stunde fällt jemand aus dieser Welt, für den der Krieg eine Erinnerung war".
Gekonnt zieht Anthony Doerr nach und nach seine Handlungsstränge zu einem Punkt zusammen, an denen sich die Lebenswege unsere liebgewonnenen Protagonisten für einen schicksalhaften Augenblick kreuzen.

Die beiden jugendlichen Hauptpersonen sind mir auf Anhieb sympathisch gewesen und sie wirkten sehr authentisch. Bei Werner wusste man sofort, er spielt nur seine Rolle, aufgrund der Tatsache dass damals niemand eine wirkliche Wahl hatte. Der Gedanke "Was du alles sein könntest" den ihm sein Freund und Kamerad Volkheimer ins Ohr gesetzt hatte, kommt ihm aber immer wieder. Und auch ein Satz seiner Schwester Jutta geht ihm oft im Kopf herum: "Ist es richtig, etwas zu tun, nur weil alle anderen es auch tun?". Doch Werner spielt weiter seine Rolle, auch wenn es ihm in vielen Nächten den Schlaf raubt.
Marie-Laure kämpft sich trotz ihrer Blindheit mit erstaunlich sicheren Schritten durchs Leben. Zu verdanken hat sie das ihrem liebevollen und fürsorglichen Vater. Und auch ihrer Wissbegierigkeit, die sie ständig auf Trab hält. Bei Etienne, ihrem Großonkel, der unzählige Bücher besitzt und so viel zu Wissen scheint, hat sie nach der Flucht aus Paris weg von den Professoren des Museums, einen großartigen Lehrer gefunden, der sie von den Gräueltaten der Deutschen Invasoren vor ihrer ablenkt. Eine Ablenkung die auch Etienne zu brauchen scheint, denn der ist psychisch noch schwer vom letzten Krieg, den er auf dem Feld miterlebt hat, gezeichnet.
Selbst für Reinhold von Rumpel, der eindeutig einen der Bösewichte in dieser Geschichte darstellt, hatte ich zum Schluss Verständnis für seine Besessenheit bezüglich des "Meer der Flammen".

Anthony Doerr hat mit "Alles Licht das wir nicht sehen" nicht nur einen wunderbaren Roman geschrieben, er hat seine Geschichte mit vielen geschickt gestreuten Hintergrund- und Detailwissen auch zu einem lehrreichen Buch gemacht, das ich sicher gerne nochmal in die Hand nehmen werde.

Ich mache das wirklich absolut selten, aber in diesem Fall habe ich mir einige der wunderschönen Sätze und Weisheiten in diesem Buch aufgeschrieben, so sehr hat mich das Buch bewegt:

"Die Zeit ist ein glitschiges Ding: verliere sie einmal aus den Händen und du bekommst sie womöglich nie weider zu fassen..."

"Man kann Glück haben oder auch Pech, eine leichte Neigung der Tage zu Erfolg oder Scheitern erleben. Flüche gibt es nicht".

Ein Teil Sendung des Franzosen den Werner mit seiner kleinen Schwester Jutta in ihrer Kindheit Nachts heimlich im Schlafsaal gehört haben, ist mir auch besonders in Erinnerung geblieben:

Das Gehirn ist natürlich in völlige Dunkelheit eingeschlossen, Kinder. Es treibt in klarer Flüssigkeit im Inneren des Schädels, nie im Licht. Und doch leuchtet die Welt die es in unseren Gedanken schafft. Sie fließt über mit Farbe und Bewegung. Und wie, Kinder, erschafft und das Gehirn, das ohne einen Funken Licht lebt, diese helle, strahlende Welt? (...) Öffnet eure Augen und seht was ihr sehen könnt, bevor sie sich für immer schließen."

Über den Autor:
Anthony Doerr wurde 1973 in Cleveland geboren und lebt seiner Freu und ihren beiden Söhnen in Boise, Idaho. Neben Erzählungsbänden wie Der Muschelsammler veröffentlichte Anthony Doerr die Romane Winklers Traum vom Wasser und zuletzt Alles Licht das wir nicht sehen. Für seine Erzählungen hat er bislang vier Mal den renommierten O.Henry Prize erhalten und wurde neben zahlreichen anderen Auszeichnungen auch drei Mal mit dem Pushcart Prize geehrt. Einen überragenden Erfolg feierte er mit dem Now York Times-Bestseller "Alles Licht das wir nicht sehen", der zu den Finalisten des National Book Award 2014 zählte und von der New York Times Book Review als einer von fünf belletristischen Titeln als Bestes Buch 2014 ausgezeichnet wurde, und für den er 2015 den Pulitzer-Preis erhielt (Quelle: Umschlagtext "Alles Licht das wir nicht sehen")

Fazit: Ein bildgewaltiger Roman der mich sofort in den Bann geschlagen hat. Wahrlich nichts das man einfach mal zwischendurch lesen kann, aber absolut zu empfehlen! Volle Punktzahl und zudem noch Favoritenstatus von mir!

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